Das war: Die Pfade Kains

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Alexander Nitzberg las bei uns aus dem Werk von Maximilian Woloschin!

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Alexander Nitzberg

Maximilian Woloschin »Die Pfade Kains«

übertragen und rezitiert von Alexander Nitzberg

Der große russische Dichter und bildender Künstler Maximilian Woloschin (1877-1932) betrachtete »Die Pfade Kains« als sein poetisches Credo. Zwanzig Jahre lang arbeitete er daran. Die kühnen anarchischen Geistesflüge fanden ihren Ausdruck in Versen von unerhörter Kraft und beißendem Spott. Wie auch in seinem Haus in Koktebel an der Krim, diesem letzten Asyl des freien Gedankens, trachtete er in dem Werk danach, den Menschen aus dem Bruderzwist des Bürgerkriegs herauszulösen, damit er sich – jenseits aller Parteilichkeit und Politik – als schöpferische Urgewalt wiedererkenne.

Die ersten poetischen Versuche Woloschins standen noch ganz unter dem Zeichen des Ästhetizismus und Symbolismus. Doch der Erste Weltkrieg änderte seinen Tonfall nachhaltig. Aus dem verspielten Dandy und Lebemann wurde ein Dichter von höchster Ernsthaftigkeit und beinahe prophetischer Wucht. In zahlreichen Gedichten schilderte er auf eindrucksvolle Weise den Terror und das Leid der Völker. Die Dichtung wurde für ihn zu einer todernsten Lebensaufgabe und einer Arbeit an sich selbst. In seinem Gedicht »Der Geselle« schrieb er:

Mir ward gesagt: /
Nicht sollst du heiter mehr die Leier schlagen /
und hohe und großzügige Worte /
auf schwingende Saiten reihen, welche die Seele wiegen – /
du sollst Geselle sein /
des heiligen Handwerks des Wortes. /
Um fühlen zu lernen, /
mußt du dich verabschieden /
von den Freuden des Lebens, /
dich vom Gefühl trennen, /
um den Willen zu bündeln, /
und vom Willen, um das Bewußtsein loszulassen. /
Wenn es dir schließlich gelingt, auch das Bewußtsein in dir zu löschen, /
dann /
wird aus der Tiefe des Schweigens heraus /
das Wort geboren, /
das in sich trägt /
die ganze Fülle des Bewußtseins, des Willens, des Gefühls … /
So von der Macht /
des kleinen, gedächtnislosen Ichs befreit, /
erkennst du, daß alle Erscheinungen /
Zeichen sind, /
durch welche du dich deiner selbst entsinnst … /

Wenn du begreifst, / daß du kein Sohn der Erde bist, /
sondern ein Wanderer in den Welten, /
daß Sonnen und Gestirne in deinem Inneren /
entstanden und erstarben, /
daß überall – in den Geschöpfen und den Dingen – /
das göttliche Wort leidet, /
das sie ins Dasein rief, /
daß du Befreier der göttlichen Namen bist, /
gekommen, um neu zu benennen /
alle Geister – Gefangene, im Stoff versunken … /
Wenn du begreifst, daß der Mensch geboren ist, /
um die Welt /
der Notwendigkeit und der Vernunft /
in ein All der Freiheit und der Liebe umzuschmelzen, /
dann erst /
wirst du zum Meister.

Maximilian Woloschin (1877 – 1932) gilt als einer der bedeutendsten Dichter des »Silbernen Zeitalters« der russischen Lyrik. In seinen Anfängen dem Symbolismus verfallen, entwickelte er sich bald zu einer eigenständigen Stimme, deren beinahe prophetische Wucht nach der Oktoberrevolution sowohl die »Roten« als auch die »Weißen« aufhorchen ließ. Neben der Literatur beschäftigte sich Woloschin intensiv mit der Malerei, der Bildhauerei und dem Okkultismus.

Alexander Nitzberg, 1969 in Moskau geboren, lebt als freier Lyriker, Übersetzer, Essayist und Rezitator in Wien. In seiner Übertragung liegen über dreißig Einzelbände russischer Dichtung vor. Seine Neuübersetzung des Romans »Meister und Margarita« von Michail Bulgakow wurde 2013 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und mit dem Jane Scatcherd Preis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet.

Wir bedanken uns nicht nur bei unserem Publikum für den tollen Abend, sondern auch bei Hrn. Nitzberg für den spannenden Einblick in das Werk Maximilian Woloschins!

Alle nachfolgenden Fotos von der Veranstaltung ©Studio Rotkäppchen

Die gesamte Galerie können Sie hier abrufen.

 

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Ich arbeite seit März 2013 für das Literaturbuffet. In dieser besten Buchhandlung (und natürlich Café) der Welt bin ich für alle sozialen Aktivitäten zuständig. Und die Website. Und und und. ;)

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