Das Leben wartet nicht

Der Süden Italiens bietet viel Platz für Träumereien und Geschichten. Was er aber lange Zeit nicht bot waren Perspektiven. – Von Daniel Scepka

Armut und Lebenslust

Der italienische Süden ist eine Region wie keine zweite in Europa. Sein einzigartiges Flair und die nicht minder einzigartige Einstellung seiner Einwohner verleihen ihm etwas ganz und gar eigenes. Bittere Armut herrschte vor – und viele junge Süditaliener machten sich noch lange vor dem Erwachsensein auf den Weg in die Städte des Nordens, die ihnen nicht nur der Temperatur und des Wetters wegen kalt und grau erscheinen mussten. Klar … vor der Abreise (und da beginnt auch jene Geschichte, die uns Marco Balzano in „Das Leben wartet nicht“ erzählt) scheint es geradezu umgekehrt: Der Süden als triste Einöde, der Norden als verheißungsvolles Paradies.

Los geht’s…

Ninetto, ein Kind eben dieses armen Siziliens der Nachkriegsjahre, ist einer von jenen, die sich auf den Weg machen. Sein Vater, der nach dem Schlaganfall seiner Frau sein Leben noch schlechter im Griff hat als zuvor, schickt seinen Sohn mit einem gemeinsamen Bekannten los um in einer der Fabriken des Nordens ein besseres Leben aufzubauen, als es vor Ort möglich gewesen wäre. Doch schon kurz nach der Ankunft entpuppt sich Mailand nicht als farben- und formenprächtiges Paradies, sondern als Moloch für die Ausbeutbaren und Verzweifelten.

Als er endlich, nach vielem Auf und fürchterlichem Ab, eine Gelegenheit bekommt die Schauplätze seines Lebens als alter Mann noch einmal zu durchstreifen,wird er etwas in den in Mailand nunmehr lebenden Afrikanern und Chinesen erkennen, was er schon lange überwunden glaubte: Seine eigene Vergangenheit. Das Buch erzählt also von jenem schweren Stand, den die Nachkriegsarmut den jungen Menschen aus den ärmeren Regionen Italiens beschert hat. Marco Balzano ist dabei sicherlich der richtige Autor dafür – seine eigenen Eltern waren aus dem Süden nach Mailand ausgewandert um den gleichen Verheißungen zu folgen wie sein Protagonist Ninetto. Man merkt, dass er weiß wovon er spricht,wenn er von den Entbehrungen und Zuständen in diesen Tagen spricht.

Italienisch erzählt

Auch die einfache, klare Sprache, derer sich Balzano bedient und deren – soweit man das ohne die Lektüre des Original-Textes sagen kann – Übersetzung ist ein Pluspunkt des Buches. Hie und da sind italienische Begriffe unübertragen zu lesen, was aber dem Flair des Buches keinesfalls schadet, sondern (meiner Meinung nach) eine gute Entscheidung war: So vergisst man, trotz aller Ähnlichkeiten der beschriebenen Situationen mit Schicksalen in anderen Städten, nie, dass man sich noch immer in Italien befindet. Jeden Italien, das vor allem im deutschen Raum eher als Urlaubsland wahrgenommen wird. Man kann mit diesem Roman viel über die Unterschiede zwischen den Regionen Italiens (oder besser noch: über jene zwischen Süd- und Mittel- oder Nordeuropäischen Landen) lernen. Und darüber, wie man sich selbst unter schwierigsten Bedingungen durchs Leben bringt. Wenn auch sicherlich nicht so, wie ich selbst (oder er) es sich gewünscht hätte.

Lasst uns zusehen, dass solche Lebensläufe – wenn sie denn in Büchern und Zeitungen beschrieben werden – nicht mehr so glaubwürdig sind. Wer gerne von menschlichen Schicksalen liest oder sich Biographien vornimmt, dem kann ich das Buch sehr ans Herz legen.

Daniel Scepka


Hinweis
Diese Rezension – und viele mehr! – finden Sie in unserer aktuellen
Buchstabensuppe 2 / 2017!

Buchinformationen

Mario Balzano
Das Leben wartet nicht

Diogenes Verlag
304 Seiten
€ 22.70

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Team

Ich arbeite seit März 2013 für das Literaturbuffet. In dieser besten Buchhandlung (und natürlich Café) der Welt bin ich für alle sozialen Aktivitäten zuständig. Und die Website. Und und und. ;)

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