Der Anruf

Ein kultiviertes Tischgespräch in Carmel (Kalifornien)

Der Flughafen Wien (VIE) als Schauplatz

Der Flughafen Wien (VIE) als Schauplatz

Mit „Der Anruf“ legt Olen Steinhauer einen Thriller vor, der nicht nur ein wunderbarer, spannender Roman ist, sondern auch noch an einem wohlbekannten Schauplatz spielt. Eine Leseempfehlung!

Wenn irgendwo in der Krimi- oder Thrillerwelt gemeuchelt wird, stört uns der Schauplatz nicht – wenn wir ihn nicht kennen. Wenn wir ihn kennen, werden wir doppelt kritisch.

Der Schauplatz von Olen Steihauers neuem Roman „Der Anruf“ ist vielen unserer Kundinnen und Kunden bekannt: der VIE, vulgo: Der Wiener Flughafen Schwechat. Halt – das stimmt so nicht ganz. Denn der eigentliche Schauplatz des Romans ist ein Restaurant in Carmel-by-the-Sea in Kalifornien. Und der Thriller ist kein wirklicher Thriller, sondern ein zutiefst reduktionistisches Kammerspiel.

Zwei Menschen sitzen einander in diesem durchaus gehobenen Lokal gegenüber. Sie waren Kollegen, sie waren Liebende. Sie waren Spione.

Wien

Henry Pelham begegnet Celia Favreau in der US-Botschaft in Wien. Er war in Moskau stationiert und hat sich verbittert mit seinen Vorgesetzten zerstritten, nachdem er aus Gründen der Staatsräson einige seiner Quellen an den russischen Geheimdienst FSB verraten musste. Celia ist im Innendienst für die CIA tätig und baut unter anderem ein Informantinnennetz in der islamischen Community in Wien auf – und sie ist die neue Vorgesetzte von Henry. Mit Bill, dem Leiter der Einheit,Vick, dem Halbösterreicher Ernst und dem sozial ziemlich inkompetenten Kryptographen Owen bilden sie ein kleines, verschworenes Team. Irgendwann „funkt“ es zwischen den beiden (bei Celia deutlich später als bei Henry), und sogar die bei Agenten eher ungewöhnliche Idee des Zusammenlebens und Zusammenwohnens taucht in ihren Gesprächen auf.

Als 2006 eine entführte jordanische Verkehrsmaschine mit 120 Passagieren an Bord in Wien landet, werden alle privaten Pläne plötzlich hinfällig. Denn die kleine CIA-Einheit in Wien hat durch einen Zufall eine winzige Chance, das islamistische Terrorkommando an Bord der gekaperten Maschine auszuschalten. Unter den Passagieren befindet sich ein Kurier des amerikanischen Geheimdienstes, und der setzt heimlich SMS-Nachrichten an seine Kollegen ab.

Und dann geht alles katastrophal schief, und alle Menschen an Bord des Jets kommen um.

Jahre später

2012 sitzen einander Henry und Celia in einem Restaurant in Carmel gegenüber. Henry soll herausfinden, was in der kritischen Phase der Entführung in Wien geschehen ist. Denn irgendjemand aus ihrem Team in der Botschaft war ein Verräter und hat damit die Katastrophe von Schwechat ausgelöst. Systematisch baut Henry seine Indizienkette auf …

Aus dem Gespräch, das die beiden miteinander führen, und das immer mehr zum kultiviert getarnten Verhör wird, kann die Leserin, der Leser, rekonstruieren, was damals in Wien geschehen ist. Oder glaubt es zumindest.

Olen Steinhauer erzählt wieder eine packende Geschichte, voller Erinnerungen und Rückblenden, die aber niemals den Handlungsfaden verwirren.

Und schon nach ein paar Seiten denkt auch der kritische Leser nicht mehr daran, dass es 2006 keinen furchtbaren Terroranschlag am VIE gegeben hat. Es hätte ihn geben können, und das ist mehr als ausreichend, um dem komplexen Dialog von Henry und Celia mit wachsender Spannung und Neugier zu folgen.

270 Seiten benötigt Olen Steinhauer, um seine Geschichte zu spinnen. Hier wird nichts ausgewalzt, Autor und Verlag widerstehen dem aktuellen Trend zum 800-Seiten-Schmöker. Steinhauers Geschichten sind immer so lang, wie sie sein müssen. Zeilenschinderei gibt es bei ihm nicht. „Thriller“ stimmt natürlich als Gattungsbezeichnung für dieses Buch allemal. Zu allererst aber ist „Der Anruf“ ein großartiger Roman, eine bemerkenswerte Studie über die verwirrenden und irrationalen Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen.

Viel Spaß beim Lesen!


Der Anruf von Olen SteinhauerOlen Steinhauer
Der Anruf

Blessing Verlag
270 Seiten
€ 20.60

Comments

comments

Das könnte Dich auch interessieren...