Der Lärm der Zeit

Julian Barnes schreibt in „Der Lärm der Zeit“ über Diktatur und Überwachung. – Von Linus Rübe

Schostakowitsch‘ Geschichte

Der Lärm der Zeit versucht der Autor Julian Barnes das ohren- und sinnebetäubende Geräusch in einer Zeit von Diktatur, Überwachung und Niederhalten von anderem einzufangen, dem die Bevölkerung der Sowjetunion unter Stalin ausgesetzt war. Anhand der Biografie von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch schreibt Julian Barnes über die ständige Gratwanderung, in der Künstler (u.a.!) während Stalins´ Totalitarismus steckten. Sich selbst und der Kunst treu bleiben und damit das eigene Leben und das von Familie und Freunden riskieren oder getreue, sowjetische Kunst produzieren und somit sich selbst und die Kunst zu verraten. Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch kann für diese Frage in tragischer Weise „mustergültig“ herangezogen werden.

Seine zweite Oper Lady Macbeth von Mzensk, die 1934 uraufgeführt, ein großer Erfolg und zwei Jahre lang zahlreich aufgeführt wurde, wurde 1936 als „die Macht“ die Oper selbst besuchte, tags darauf in der „wahrheitsverkündenden“ Prawda verurteilt und verboten. Zum einen wurde ihr vorgeworfen, es sei „Chaos statt Musik“ und um anderen prangerte „die Macht“ den Formalismus an (der, sowie die Vertreter der l´rt pour l´art als Hervorbringung des Westens strikt abgelehnt wurde). Dass Schostakowitsch nach solche einem Artikel mit der Verhaftung, Arbeitslager oder gar Hinrichtung zu rechnen hatte, war ihm klar. Da er sich nicht die Blöße geben wollte, sich von Stalins Handlangern im Schlaf überraschen und im Schlafanzug abführen zu lassen, verabschiedete er sich jeden Abend von seiner Frau und seiner Tochter und setzt sich mit einem kleinen gepackten Koffer vor den Lift im Stiegenhaus und wartete auf die Männer des NKWD.


Hinweis
Diese Rezension – und viele mehr! – finden Sie in unserer aktuellen Buchstabensuppe 2 / 2017!

Öfter in Bedrängnis

Ja, Schostakowitsch geriet mehrmals in seinem Leben in Abhängigkeits-, Erpressungs- und Vereinnahmungsverhältnisse durch die sowjetische Führung und haderte sein Leben lang damit und mit sich, (weil er durchaus sah, dass er an der einen oder anderen Stelle in seinem Leben auch anders handeln hätte können), wie es Julian Barnes eindrucksvoll schildert.

Was ihm fortwährend in seinem Leben und in den unterschiedlichsten Situationen half, so erzählt Barnes, war ein gutes Maß an Ironie. Sowohl in seinen schriftlichen Antworten an „die Macht“ als auch u v.a. in seiner Musik. Durch die Ironie versuchte er sich zumindest in gewissem Maße zu bewahren, was ihm lieb war. Auch dies natürlich stets eine Gratwanderung, weil fraglich, ob es von den Herrschenden entdeckt werden würde. Barnes gelingt es in seinem Buch das Hadern, das Kämpfen und Scheitern eines Menschen einzufangen und zeigt damit die vielschichtigen Verhältnisse und Abhängigkeiten von antidemokratischen Systemen und Menschen, die in diesen versuchen kritisch-produktiv tätig zu sein (sei es im künstlerischen, im wissenschaftlichen, intellektuellen Sinne oder auch als kritisch denkender Mensch in alltäglichem Belangen). Ein Buch, das gerade in letzter Zeit wieder an tragischer Aktualität „gewann“. Umso mehr gilt:

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Linus Rübe


Julian Barnes
Der Lärm der Zeit

Kiepenheuer und Witsch Verlag
245 Seiten
€ 20.60

Comments

comments

Team

Ich arbeite seit März 2013 für das Literaturbuffet. In dieser besten Buchhandlung (und natürlich Café) der Welt bin ich für alle sozialen Aktivitäten zuständig. Und die Website. Und und und. ;)

Das könnte Dich auch interessieren...