Einer von uns

Einzeltäter und doch wieder nicht – die Anatomie eines Massenmordes

Åsne Seierstad hat ein zutiefst erschütterndes und beeindruckendes Buch geschrieben: „Einer von uns – die Geschichte eines Massenmörders“. Eine Leseempfehlung.

Der Massenmörder, dessen Leben sie vor uns ausbreitet, ist Anders Behring Breivik, der am 22. Juli 2011 zunächst im Regierungsviertel von Oslo eine 950 Kilogramm schwere Autobombe zündete. Direktes Ziel war der sozialdemokratische Staatsminister Jens Stoltenberg. Bei diesem Attentat kamen acht Menschen ums Leben.

Begünstigt durch eine Reihe unglaublicher Fahndungspannen der Polizei gelangte er ungehindert zum rund 30 Kilometer entfernten Tyrifjord-See, in dem sich auf der Insel Utøja das traditionsreiche Freizeit- und Schulungszentrum der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF befindet. Ursprünglich hatte Breivik geplant, früher auf die Insel zu gelangen, um die ehemalige Staatsministerin Gro Harlem Brundlandt – die erste weibliche Regierungschefin in der Geschichte Norwegens – zu enthaupten und ein Massaker unter den anwesenden Jugendlichen anzurichten. Vollgepumpt mit Aufputschmitteln und Anabolika hatte er allerdings wegen starker Übelkeit den richtigen Zeitpunkt verpasst.

Um 17.00 Uhr setzte er, verkleidet als Polizeibeamter in Uniform, mit einer Fähre nach Utøja über und scharte unter dem Vorwand, die Jugendlichen über das Attentat in Oslo informieren zu müssen, AUF-Mitglieder und Betreuungspersonal um sich und begann dann aus nächster Nähe mit einer Pistole und einem Gewehr auf die Burschen und Mädchen zu schießen. Kaltblütig schoss er bereits verwundete oder getötete Opfer in den Kopf. Die Munition hatte er so präpariert, dass sie ähnlich den gefürchteten Dumdum-Geschossen möglichst verheerende Verletzungen verursachten. Ohne Hast schlenderte er 75 Minuten über die Insel und ermordete 69 Menschen. 32 der Opfer waren unter 18 Jahre alt.

Da die Besatzung des einzigen Polizeihubschraubers des Landes auf Urlaub war, die Einsatzkräfte die Existenz der Fähre nach Utøja nicht wahrnahmen und sich noch dazu an einem falschen Landungssteg sammelten, konnte Breivik zumindest 30 Minuten sein Verbrechen fortsetzen, ehe die ersten Polizeikräfte auf der Insel landeten.

Terror in Skandinavien

Der Terror war nach Norwegen gekommen. Hatte es am Anfang Spekulationen über ein Al-Kaida-Attentat gegeben, kam die Wahrheit rasch ans Licht: Breivik war ein antimarxistischer, anti-islamischer, faschistischer Terrorist, der sich als Speerspitze des Kampfes gegen den „Multikulturalismus“ sah. Die sozialdemokratische Partei war seine Zielscheibe, weil diese angeblichen „Kulturmarxisten“ die Überfremdung dea Landes geplant hatten, um es den Muslimen in den Rachen zu werfen. Mit dem Massenmord an den Jugendlichen der AUF sollte eine ganze Generaltion potenzieller Parteiführer vernichtet werden.

Vor der Tat hatte Breivik ein 1.200 Seiten umfassendes „Manifest“ an Tausende „wertkonservative“, „nationalrevolutionäre“, „antidschihadistische“ Kontakte verschickt, die er aus einschlägigen Internetforen kannte.
Åsne Seierstad hat mit Verwandten, Freunden, Nachbarn, Psychologen … gesprochen, die Breivik kannten. Sie hat alles zugängliche Material über den Mörder ausgewertet, um sein Leben, sein Denken, sein Handeln … nein, nicht verständlich, aber nachvollziehbar zu machen.
Zugleich aber hat sie die Angehörigen der Opfer Breiviks kontaktiert, Überlebende interviewt, und sie zeigt, welche Tragödien, welche langanhaltenden Wunden der Massenmörder den Familien der Ermordeten und der ganzen norwegischen Gesellschaft zugefügt hat.

Es ist schwer, die Beschreibung des Massakers auf der Insel zu lesen. Im Rahmen des Prozesses wurde jeder einzelne Mord aufgerollt. Das Gericht hatte mit den Angehörigen im Vorfeld Kontakt aufgenommen, und es hatte sich gezeigt, dass es für die Familien und Freunde der Opfer ein wesentlicher Aspekt der Bewältigung des Verlustes war, Aufklärung über den Tod ihrer Kinder, Geschwister, Freundinnen und Freunde zu erhalten.

Qualität

Dieses Buch ist kein spekulativer, unter der Maske „true crime“ daherkommender Pseudoreport. Mit tiefem Mitgefühl und Respekt für die Opfer beleuchtet Seierstad, was an diesem 22. Juli geschah, und welchen Weg der Mörder bis dorthin gegangen ist.

Was macht dieses Buch so wichtig? Meiner Meinung nach schafft es Åsne Seierstad hervorragend, ein Psychogramm eines Täters zu entwerfen, das sich nicht auf dessen individuelle Entwicklung, seine unglückliche Kindheit, die psychisch labile alleinerziehende Mutter konzentriert, sondern die großen Veränderungen der norwegischen Gesellschaft miteinbezieht. Die wachsende Rolle der Frau in der Gesellschaft, exemplifiziert durch Gro Harlem Brundlandt, die unter anderem deswegen zum besonderen Feindbild Breiviks wurde; die Veränderungen in den Städten durch den Zuzug von Flüchtlingen aus Asien, Afrika und Lateinamerika; das Aufkommen „neoliberaler“ fremdenfeindlicher Parteien, die den Sozialstaat zurückstutzen wollten, der gleichzeitig vielen ihrer Anhänger die Existenz sicherte …

Und: die ideologischen Begründungen Breiviks für seinen mörderischen Hass auf „Multikulti“ kommen uns gerade heute in Österreich auf eine ungute Weise vertraut vor. Das sind genau die Argumente, die von den neuen faschistischen oder rechtsextremen Gruppierungen à la Identitäre propagiert werden. Der Weg von den „Theorien“ der sogenannten „Neuen Rechten“ zur faschistischen Aktion ist sehr, sehr kurz, wie Anders Behring Breiviks Biographie zeigt.

„Einer von uns“ ist ein Buch, das nicht leicht zu lesen ist, obwohl es hervorragend geschrieben ist. Es ist das Thema, das einem Atemnot verursacht, wenn es den grausigen Rundgang des selbsternannten Richters und Henkers über die idyllische Insel im Tyrifjord-See beschriebt, es sind die Biographien der hingemordeten jungen Menschen auf Utøja, die Leserinnen und Leser zutiefst berühren müssen.

Åsne Seierstad öffnet ein Fenster, durch das wir nicht nur in die Abgründe einer mörderischen Psyche, sondern auch in die Abgründe einer scheinbar toleranten Gesellschaft blicken.


einer von unsÅsne Seierstad
Einer von uns

Kein & Aber
544 Seiten
€ 26.70

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Team

Ich arbeite seit März 2013 für das Literaturbuffet. In dieser besten Buchhandlung (und natürlich Café) der Welt bin ich für alle sozialen Aktivitäten zuständig. Und die Website. Und und und. ;)

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