R. J. Ellory,
Vergib uns unsere Sünden
Goldmann / € 10,30 (Taschenbuchausgabe)
668 Seiten
Washington, D.C., irgendwann in der Gegenwart. Mitten während des Wahlkampfs für die Midterm-Elections erschüttern grausame Frauenmorde die US-Hauptstadt. Bald ist den ermittelnden Kriminalbeamten des 2. Reviers klar, dass ein Serienmörder umgeht. Als Detective Miller bei seinen Ermittlungen tiefer an der Oberfläche der Fälle kratzt, kommen eigentümliche Gemeinsamkeiten der Opfer zum Vorschein: Alle scheinen aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, ihre Vorgeschichten lassen sich nicht rekonstruieren, Daten und Dokumente verschwinden …
Mittelamerika, in den 80er Jahren. Mit enormem Aufwand destabilisieren amerikanische Geheimdienste Nicaragua, Honduras und Guatemala. Im Namen der „Eindämmung des Kommunismus“ werden die nicaraguanischen Contras militärisch und finanziell unterstützt. Die von den USA ausgehaltenen Banden bringen im Lauf des sogenannten „Contra-Kriegs“ 60.000 Menschen um, hunderttausende Menschen flüchten aus ihren Siedlungen.
1986 verurteilt der Internationale Gerichtshof in Den Haag wegen ihrer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Nicaraguas und verurteilt die mächtigste „westliche Demokratie“ zu Reparationsleistungen. Die USA erkennen das Urteil nicht an und zahlen keinen Cent Entschädigung.
Die Aufdeckung der Iran-Contra-Affäre bringt ans Licht, das die US-Geheimdienste nicht nur die Contras mit Waffen versorgt hatten, sondern mit den gleichen Maschinen, die das Kriegsgerät nach Mittelmerika schafften, Kokain und Crack in die USA zurückschafften und dort zügig Rauschgiftverteilerringe aufbauten. Die Einnahmen aus dem Drogenhandel flossen wieder – in Form von Waffen – zu den Contras – und in den Iran, wo man einen proamerikanischen Flügel gegen die Fundamentalisten aufrüsten wollte. Der ideologisch motivierte Krieg nach Außen ging Hand in Hand mit einem sozialdarwinistisch gefärbten Krieg nach Innen – die „Junkies“, hauptsächlich Kids aus der farbigen Unterschicht, verdienten es ohnehin nicht besser …
Der Schotte R.J. Ellory hat zwei Stränge – die Serienmorde und die finstere Mittelamerikapolitik der USA – zu einem faszinierenden Thriller verwoben. Der distanzierte, scharfe Blick des Nicht-Amerikaners macht Einsichten möglich, die bei manchen amerikanischen Routiniers am staatlich geforderten Patriotismus gescheitert wären. Ein intelligenter Verschwörungsthriller, der viel Stoff zum Nachdenken liefert und – am Rande – eine Reihe ethischer Fragen aufwirft. Höchst empfehlenswerte Urlaubslektüre!
Kurt Lhotzky



