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Eine neue literarische Stimme aus den USA: Philipp Meyer

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Philipp Meyer

Rost

Klett-Cotta, 458 Seiten, EUR 23,60Cover: Meyer, Rost

 

Es ist ein Fluch, dass jede neue Generation amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit dem Ruf nach dem „großen amerikanischen Roman“ empfangen wird. Am Cover seines Erstlings „Rost“ widerfährt auch Philipp Meyer (geboren 1974) dieses Schicksal.

Damit wird die Latte hochgelegt. Als Leser kann ich nur sagen: Ob's jetzt „der“ große amerikanische Roman ist, weiß ich nicht – Meyer hat jedenfalls ein Buch geschrieben, das ich großartig finde, mit allen Ecken und Kanten, die ein Debutroman haben darf, ein Buch, in dem der Leser die Bekanntschaft mit Menschen macht, die keine Typen sind, sondern Charaktere aus der „Realwelt“, Menschen, mit denen man mitfühlen und mitleiden kann und muss. Und – um nochmals zum großen amerikanischen Roman zurückzukehren: Es ist ein Werk, das uns natürlich nicht die gesamte Lebenswelt des amerikanischen Volkes als Tableau präsentiert, aber doch die Welt eines Tales von berührender Schönheit, das einst ein Herzstück der amerikanischen Stahlindustrie war und heute, durch Absiedlungen und Betriebsschließungen, ein Industriefriedhof ist, in dem nicht nur die Natur über die Ruinen der mächtigen Fabriksbauten triumphiert, sondern eine Gesellschaft zerfällt, die den amerikanischen Traum ausgeträumt hat.

Nein – es geht nicht um den Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär, es geht um den „amerikanischen Traum“ der Industriearbeiter, der kleinen Farmer, der kleinen Gewerbetreibenden: Mach' Deinen Job gut und ehrlich, dann wirst Du anerkannt, hat einen sicheren Arbeitsplatz, Dein kleines Haus, Dein kleines Glück, später Deine kleine Rente... Aber die Wirklichkeit sieht anders aus seit Reaganomics, dem Verfall der Stahlpreise auf dem Weltmarkt, der Banken- und Immobilienkrise....

Zwei junge Burschen, Freunde, unterschiedlich in Temperament, Anlagen und sozialem Verhalten, machen sich auf, um aus dem hoffnungslosen Tal in Pennsylvania auszubrechen – der zarte, hochbegabte, schüchterne Isaac und der impulsive, draufgängerische Billy. Isaac hat seinem nach einem Arbeitsunfall an den Rollstuhl gefesselten Vater 4.000 Dollar als Reisekasse gestohlen – er will an eine Universität, seinen Traum vom Physikstudium erfüllen. Billy ist buchstäblich ein Mitläufer – er ist ein Zauderer, der sich nicht aufraffen kann, den Trailer, in dem er mit seiner alleinerziehenden Mutter lebt, endgültig zu verlassen. Schon nach ein paar Kilometern nimmt der Ausbruchsversuch der beiden eine dramatische Wende – bei einer Konfrontation mit einer Bande gewalttätiger Obdachloser tötet Isaac in Notwehr einen der Angreifer. Er und Billy versuchen, ihre Spuren zu verwischen, kehren um – und Billy wird schließlich unter Mordverdacht festgenommen. Billy, der stadtbekannte Tunichtgut, schweigt eisern – Isaac nutzt die so gewonnene Galgenfrist für einen neuen Ausbruch. Er muss die Erfahrung machen, wie gefährlich die Freiheit sein kann, wenn man sich in eine unbekannte Welt begibt, in der Armut und Hoffnungslosigkeit Solidarität und Verständnis zu Fremdworten gemacht haben. Das Aufspringen auf Güterzüge, die Nächte am Lagerfeuer der Ausgestoßenen – das hat nichts mit der Hobo-Romantik der Folksongs zu tun, das sind harte Lektionen im Überleben. Mehr möchte ich von der komplexen Handlung hier nicht verraten.

Philipp Meyers Erzählstil, seine Perspektivwechsel mögen ungewohnt sein. Wenn man bereit ist, sich auf die Geschichte und ihre Akteure einzulassen, wird man das Buch nur widerwillig aus der Hand legen, bevor man weiß, was am Ende der Geschichte auf Issac, Billy, ihre Angehörigen, den Polizeichef Harris... wartet.

Probeleser haben Meyer vorgeworfen, sein Buch sei deprimierend und hoffnungslos. Dass die Beschreibung einer durch Raubbau (in jeder Beziehung!) devastierten Region kaum Stoff für fröhliches Geplauder ist, leuchtet ein. Hoffnungslos? Mit Gewissheit nicht, auch wenn Meyer kein happy-end anzubieten hat. Und was die Sprache betrifft: Sie spiegelt für mein Gefühl sehr treffend den Charakter der jeweiligen Protagonisten wieder. Einige Stellen glänzen geradezu durch Sprachgewalt und Poesie – sicher auch eine großartige Leistung des Übersetzers Frank Heibert. Klett-Cotta sei dafür gedankt, dem deutschsprachigen Publikum einen bemerkenswerten Vertreter der jungen amerikanischen Literatur präsentiert zu haben.

 

Kurt Lhotzky

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 27. Juli 2010 um 19:56 Uhr  

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