Das Rätsel des Altonaer Blutsonntags

Donnerstag, den 08. Juli 2010 um 22:15 Uhr Kurt Lhotzky
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Brack, Robert

Blutsonntag

Roman
Edition Nautilus, EUR 14,30

Blutsonntag

Robert Brack, dessen 2008 erschienener dokumentarischer Kriminalroman „Und das Meer gab seine Toten wieder“ ein realistisches und beklemmendes Bild der niedergehenden Weimarer Republik zeichnete, hat eine der Figuren dieses Romans nun zur Heldin seines neuen Romans „Blutsonntag“ gemacht. Klara Schindler, die widerborstige kommunistische Journalistin der „Hamburger Volkszeitung“, recherchiert auf eigene Faust, was tatsächlich am „Altonaer Blutsonntag“ geschah.

Am 17. Juli 1932 hatten die Nazis den vorgezogenen Reichstagswahlkampf als Vorwand gewählt, um einen Aufmarsch in Altona durchzuführen, das damals noch nicht zu Hamburg gehörte. Die Arbeiterviertel der Stadt waren Hochburgen von KPD und SPD, auch wenn sich zunehmend Arbeitslose in der NSDAP organisierten. 7.000 Nazis – darunter SA- und SS-Verbände – marschierten, begleitet von geringen Polizeikräften, in die proletarischen Stadtviertel ein. Nachdem es zu Schmähungen und dem Skandieren antifaschistscher Sprechchöre gekommen war, attackierten Angehörige des Altonaer SA-Sturms 1 Passantinnen und Passanten. Es gab die ersten Schwerverletzten, Mitglieder der Arbeiterparteien und ihrer Selbstverteidigungsorganisationen konnten die Nazis aber letztlich zurückdrängen. Dann eröffneten plötzlich auf LKW herangekarrte Polizeieinheiten mit Militärkarabinern das Feuer – angeblich waren sie von den Dächern aus beschossen worden. Der Altonaer Blutsonntag forderte 18 Menschenleben – zwei Nazis und 16, fast ausschließlich unbeteiligte, Bewohner des Altonaer Arbeiterviertels. Das Massaker wird einer der Vorwände für den „Preußenschlag“, die Absetzung der preussischen Regierung durch die Reichsregierung und die Einsetzung eines „Reichskommissars“ , wodurch die Machtergreifung der Nazis wesentlich erleichtert werden sollte.

 

Gekonnt schürzt Brack den Knoten der Handlung: Während Klara Schindler ihre Aufgabe darin sieht, aufzudecken, wer für die tödlichen Schüsse in Altona verantwortlich ist, folgt ihr Chefredakteur bedingungslos der Parteilinie: Einerseits werden die sozialdemokratischen Arbeiter zur Einheitsfront aufgerufen, andererseits wird ihre Partei als „sozialfaschistisch“ attackiert. Der Polizeidirektor und der Innensenator sind Sozialdemokraten – der Feind ist also für die KPD eindeutig die SPD. Schindlers Versuche, eine differenzierte Sicht der Ereignisse zu entwickeln, werden abgewürgt. Also schnappt sich die nicht wirklich linientreue Reporterin ein technisches Spielzeug, für das sich sonst niemand in der Redaktion interessiert – ein sowjetisches Magnetofon! - und sammelt Zeugenaussagen zum Blutsonntag. Was sie herausfindet, bringt sie endgültig in Konflikt mit bestimmten Dogmen ihrer Partei.

Keine Angst – Brack hat keinen trockenen Politkrimi im Stil der „Proletarischen 10-Pfennig-Romane“ der 20er Jahre geschrieben. Der Leser lernt zwielichtige Hafenkneipen ebenso kennen wie hochmoralische Einbrecher. Schrilles Kabarett untermalt den Totentanz der Republik ebenso wie der Marschtritt der braunen Bataillone. Eine freche, sommersprossige Göre mit Bankräuber-Ambitionen sorgt für Verwirrung, genau wie ein schnauzbärtiger Verfolger, der sich an Klaras Fersen heftet.

Zeitgeschichtlich und politisch interessierte Krimifans kommen bei Bracks neuem Roman garantiert auf ihre Rechung!

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 08. Juli 2010 um 22:26 Uhr