John Berger: Der Storyteller, der uns das Sehen lehrte

John Berger hat einen Nachruf verdient.

Foto von John Berger in einer französischen Buchhandlung

Foto: Ji-Elle, Lizenz: CreativeCommons

Universaltalent

Zu Beginn dieses Jahres verstarb in Antony, einem Vorort von Paris, der englische Schriftsteller, Essayist, Kulturkritiker … kurz, der universell talentierte John Berger im 90. Lebensjahr.

In seiner Jugend begann er an der Chelsea School of Art eine Ausbildung zum Maler – die er in den 40er Jahren abbrach, weil ihm seine Kunst angesichts der atomaren Bedrohung der Menschheit im sich entwickelnden Kalten Krieg läppisch erschien. In der konservativen englischen Umwelt der 50er Jahre stieß der junge Berger, der sich dem Schreiben zugewandt hatte, mit seinen vom Marxismus beeinflussten Essays so manche eingesessene Autorität vor dem Kopf. Brillant und frech rieb sich der Kritiker an Größen wie Henry Moore oder Pablo Picasso (sein Aufsatz über “Glanz und Elend des Malers Picasso” setzt sich damit auseinander, wie der revolutionäre Maler Picasso durch seine Verankerung im Kunstbetrieb zum Gefangenen wird, dem buchstäblich die Kreativität ausrinnt).

Turbulenzen

Kontroversen löste er 1972 aus, als er für seinen Roman “G.” den Man Booker-Preis erhielt. In seiner Rede bei Überreichung des Preises erklärte er gleich eingangs: “Den Wettbewerbscharakter der Preise finde ich widerwärtig. Und im Falle dieses Preises ist die Veröffentlichung der Shortlist, die bewußte publizistische Spannung, die Spekulationen der betroffenen Schriftsteller, als ob sie Pferde wären, die ganze Betonung auf Gewinner und Verlierer im Kontext der Literatur falsch und fehl am Platze.”

Wirklich ungeheuerlich wurde empfunden, dass er in seiner Rede die Herkunft des Reichtums der Sponsorfirma Booker McCornell thematisierte: Der Reichtum der Bookers beruhe auf Sklaverei und der Ausbeutung der Arbeitskräfte in der Karibik. Daher spende er die Hälfte des Preises für den britischen Zweig der Black Panther Party, den Rest verwende er für ein künstlerisches Projekt über Arbeitsmigranten in Europa.

Ways of Seeing

Ebenfalls 1972 strahlte die BBC eine vierteilige Serie aus, die Berger produziert hatte, und in der er auf völlig unorthodoxe Weise die “Ways of Seeing” erklärte. Hier schritt kein soignierter Herr im Anzug durch Galerien und enthüllte Geheimnisse hinter den Exponaten – ein freundlicher jüngerer Mann in einem gemusterten Hemd mit einer sonoren Baritonstimme lud die Zuschauer ein, mit ihm Bilder zu betrachten und dabei, wie er sagte, einiges über sich und die Welt, in der sie lebten, zu lernen. Phänomenal wohl am Ende der ersten Folge die Sequenz, in der Berger eine Gruppe von Grundschulkindern ein Gemälde Caravaggions betrachten und interpretieren lässt. Zeigt, wie natürlich Kinder das Bild sehen, mit eigenen Erfahrungen verbinden.

Die erste Folge von “Ways of Seein” schlug ein, obwohl sie, in einfachen Worten, sehr komplexe Gedankengänge vermittelt. In der Substanz ist sie eine Visualisierung der Thesen Walter Benjamins über “das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit”.

Reisen durch Europa

Die Arbeit an “Der siebente Man”, gemeinsam mit dem Schweizer Fotografen Jean Mohr, einem gewichtigen Vertreter der Humanitären Fotografie, führte Berger durch ganz Europa und besiegelte seinen Entschluss, dem erstickenden England den Rücken zu kehren. Nach einer Zwischenstation in Genf zog er sich 40 Jahre nach Savoyen zurück, wurde Teil des Lebens der Bauern, bei denen er mit seiner Frau lebte, und setzte ihnen mit der Trilogie “Von ihrer Hände Arbeit” ein literarisches Denkmal. Hier geht es nicht um Blut und Boden und Scholle – die Trilogie ist die Umsetzung von Bergers Verständnis seiner Rolle als Storyteller, als Geschichtenerzähler, der mitlebt, Erinnerungen aufschreibt und sich den Blick in die Zukunft gestattet. Mit Respekt erzählte er in seinen Romanen und Erzählungen von den Verdammten dieser Erde, im Gazastreifen, in Sizilien, in Mexiko.

Das Werk Bergers, das erzählerische wie das essayistische, ist auf Deutsch bei verschiedenen Verlagen erschienen. Vielleicht ist Bergers Tod ein guter Anlass, es entweder wieder zu lesen oder neu zu entdecken. Sein Humanismus und Optimismus werden das überdauern, was sterblich war an ihm.


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John Berger zum Selberlesen

John Berger
Der Augenblick der Fotografie
Hanser Verlag
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John Berger
Von ihrer Hände Arbeit

Eine Trilogie (SauErde, Spiel mir ein Lied, Flieder und Flagge)
Hanser Verlag
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John Berger, Jean Mohr
Der siebte Mensch
Eine Geschichte über Migration und Arbeit in Europa
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John Berger
Sehen
Das Bild der Welt in der Bilderwelt
FISCHER Taschenbuch
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