Lass mich leben, Istanbul!

Was vergessen wir eigentlich immerzu?

Wolfgang Neurath rezensiert „Lass mich leben, Istanbul“

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Wolfgang Neurath rezensiert bei uns die Krimis der Saison

Wolfgang Neurath rezensiert bei uns die Krimis der Saison

Unser Aikido-Übungen regelmäßig zu wiederholen, hie und da in der eigenen Wohnung zu übernachten, am Microsoft-Flugsimulator unsere Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen. Und die Frau anzurufen, die man unbedingt hätte anrufen sollen. So charakterisiert sich das >Private Eye< Remzi Ünal vom Bosporus selbst. Der Privatdetektiv war Pilot bei der Luftwaffe und später dann bei Turkish Airlines beschäftigt. In gewisser Weise führt ihn sein starker Hang zur Autonomie zu einem Job, der seinem Habitus entspricht und der für Istanbul selbst noch ohne Tradition und gesetzliche Grundlage ist: dem des Privatermittlers. Hören wir, was Celil Oker über seinen etwas verlorenen und kaffeesüchtigen Detektiv zu sagen hat: „Doch Remzi Ünal ist nicht der erste türkische Privatdetektiv, er hat einen berühmten Vorgänger: Murat Davman, den Helden der Romane von Ümit Deniz. Ihm habe ich mit einigen Anspielungen zu Beginn von Schnee am Bosporus meinen Respekt gezollt.“ Die türkische Gesellschaft experimentiert sowohl in der Literatur wie auch in der Gesellschaft mit Versatzstücken aus anderen Kulturen, die aber durch Istanbul verändert bzw. in das Stadtleben integriert werden.

Die Dechiffrierung des Verbrechens und der Istanbuler Gesellschaft geschieht bei Cecil Oker seriell. Mit Fug und Recht können wir daher also von einem Wiederholungstäter sprechen. Es handelt sich um den 6. Fall, den Remzi Ünal löst. Im Zentrum steht der Alltag wie die Gesellschaft Istanbuls, wobei die komplexen Überschneidungen und Verbindungen sehr heterogener sozialer Welten Istanbuls bei den Erkundigungen im Zentrum stehen. Cecil Oker bezeichnet die Stadt, die er seit seinem 21. Lebensjahr bewohnt, auch als sein Koautor: „Und wie ich irgendwo bei einer Lesung in Deutschland mal gesagt habe: Ich habe das Gefühl, dass die Hälfte jedes meiner Bücher von der Stadt geschrieben worden ist. Wie also kann man seinen Koautor nicht lieben?“

Welche Geschichte hat Istanbul diesmal (mit) verfasst?

Remzi Ünal übernimmt auf etwas kuriose Weise den Auftrag eines smarten Internisten einer Privatklinik an; er soll die geheime Freundin des Arztes, die seit vier Tagen vermisst wird, finden. Er findet nicht nur die Frau, sondern auch eine Leiche: Ein toter junger Arzt liegt in der Wohnung einer Pflegerin, eine Ganovengang versucht Ünal einzuschüchtern, ein verwirrter Kleinkrimineller verletzt mit einem Skalpell Remzi und neben der Privatklinik tut sich eine zweite Welt medizinischen Gangstertums auf. Gier, Macht, undurchsichtige Familienbande, Korruption in einer Privatklinik, Ganoven gepaart mit schauspielerischer Raffinesse der involvierten Akteure.

Der vorerst routiniert und äußerst spannend vorgetragenen Verwicklungen steigern sich laufend und verdichten sich zu einem Gewebe aus Lug und Betrug. Die Aufklärung soll durch ein Versammlung aller Verdächtige, die der Privatermittler in der Klinik lanciert, erfolgen. Das erinnert stark an den Modus Operandi der Ermittler von Agatha Christie. Das Finale hat mich nicht überzeugt, obwohl die Ermittlungen in den Straßen Istanbuls sehr interessant zu verfolgen sind und die Meisterschaft von Cecil Oker beweisen.

Zuviel des Guten. Und Cecil Oker dürfte ein besondere Beziehung zu den Taxifahrern in Istanbul entwickelt haben.

Hintergrundinformationen finden Sie ->
»Der Detektivroman ist eine Tragödie mit Happy End« – Celil Oker im Interview mit Thomas Wörtche:


lassmichlebenistanbulOker, Celil
Lass mich leben, Istanbul
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier

Unionsverlag 2015
Erscheint am 2.9.2015?
€ 20.60
ISBN 978-3-293-00493-1

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Team

Ich arbeite seit März 2013 für das Literaturbuffet. In dieser besten Buchhandlung (und natürlich Café) der Welt bin ich für alle sozialen Aktivitäten zuständig. Und die Website. Und und und. ;)

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