Sachbuch

Messalina

Kurt Lhotzky zur bissigen Ehrenrettung der römischen Kaiserin Messalina.

Ehrenrettung mit Biss

Wenn eine römische Kaiserin fast zweitausend Jahre nach ihrem Sturz in Brasilien noch immer als alltäglicher Slang-Begriff für moralische Verworfenheit herhalten muss, dann zeugt dies von einem Rufmord von wahrhaft imperialem Ausmaß. Messalina, die Kaiserin von Rom und Ehefrau des Claudius (41–48 n. Chr.), wurde von der Nachwelt über Jahrhunderte zur „intriganten Schlampe“ degradiert. Honor Cargill-Martin unternimmt in ihrer neuen Biografie jedoch weit mehr als eine bloße Image-Korrektur.

Sie legt brillant dar, dass die eigentliche historische Tragödie gar nicht so sehr im beleidigenden Prädikat der „Schlampe“ liegt, sondern im schleichenden Verlust des Adjektivs „intrigant“. Denn während Intrigen Intellekt und strategische Handlungsfähigkeit
voraussetzen, raubt das rein lüsterne Klischee der Frau jegliche politische Macht und macht sie zum bloßen Objekt männlicher Fantasie.
Nach Messalinas gewaltsamem Ende im Herbst 48 – bei dem neben ihr mindestens elf angebliche Liebhaber hingerichtet wurden – ordnete der Senat die vollständige Tilgung ihres Andenkens an. Diese Zerstörung aller Statuen und Inschriften schuf ein historisches Vakuum, das prompt von männlichen Chronisten mit einer Mischung aus Schadenfreude und tief sitzender Misogynie gefüllt wurde. Die Resultate waren ebenso farbenfrohe wie fiktive Schauermärchen: Wettbewerbe mit Prostituierten um die höchste Anzahl an Freiern oder nächtliche Ausflüge in die Bordelle Suburas.

Cargill-Martin entlarvt diese Erzählungen als das, was sie sind: eine Arena, in der römische Männer ihre Urängste vor weiblicher Macht abarbeiteten. Messalina wurde zur Projektionsfläche für alles, was in der patriarchalischen Ordnung der Antike als „falsch“ an der Frau galt. Cargill-Martin betreibt literarische Archäologie auf höchstem Niveau. Da die gesicherten Fakten über Messalina kaum einen Absatz füllen würden, nutzt sie eine raffinierte Methodik: Sie sucht nach „Eingeständnissen gegen das eigene Interesse“. Sie spürt jene Spannungen und verräterischen Vorbehalte in den Texten antiker Schandmäuler und Feinde auf, in denen die politische Realität wider Willen durch das Raster der Verleumdung bricht. Unter der Kruste aus bösartigem Klatsch legt sie eine „immense politische Kraft“ frei. Messalina war keine frivole Randnotiz der Geschichte, sondern die Architektin neuer Strategien der Hofpolitik, die das Machtgefüge Roms über das nächste Jahrhundert hinaus prägen sollten.

Fazit

Das Ergebnis ist ein kluges, witziges und methodisch glänzendes Werk, das den Glamour der julisch-claudischen Ära ernst nimmt, ohne sich von ihm blenden zu lassen. Cargill-Martin transformiert eine zweidimensionale Karikatur zurück in ein menschliches Wesen mit politischem Verstand. Dieses Buch ist ein Muss für jeden Geschichtsinteressierten, denn es beweist, dass die Wahrheit oft weitaus spannender ist als die schmutzigen Lügen der Verlierer. Messalina war vielleicht keine Heilige, aber sie war eine Profi-Politikerin in einer Welt, die Frauen nur als Statuen oder als Stoff für Skandale duldete.


Angaben

Honor Cargill-Martin
Messalina
Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom. Die wahre Geschichte der Skandalkaiserin

C.H. Beck Verlag | 459 Seiten
€ 35,00 (Gebunden)

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