Krimi und Thriller

Zerrüttung

Kein Krimi und doch der schwärzeste Nechyba. Der neue Loibelsberger.

Joseph Maria Nechyba ist zurück – der Ministerialrat i.R. ist 73, und seine Laune ist alles andere als gut. Das ist angesichts der Zustände in Österreich 1933 nicht weiter erstaunlich. Im März schaltet der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß das Parlament aus, die kritische, vor allem sozialdemokratische und kommunistische, Presse wird verboten oder unter Vorzensur gestellt, im Herbst wird die Todesstrafe wieder eingeführt. In seinem Stammcafé, dem Jelinek, grantelt sich Nechyba durch den immer dünner werdenden Blätterwald. Der dortige Kellner, Engelbert Novak, enthält sich dank ständiger Ermahnungen der Kaffeesiederin seiner bissigen politischen Kommentare – zumindest meistens.

Zu Hause taugt es dem alten „Krimineser“ auch nicht mehr so richtig – seine Frau Aurelia hat die Liebe zur Kirche entdeckt und damit auch zum „Millimetternich“, wie die politischen Gegner spöttisch den kleinwüchsigen Kanzler Dollfuß nennen.

Nechyba ist zurück – aber Gerhard Loibelsberger „Zerrüttung“ ist trotzdem kein Kriminalroman. Wenn man schon eine Schublade braucht, dann wäre wohl „zeithistorischer Roman“ die richtige Kategorie.

Die „Zerrüttung“, die hier beschrieben wird, spielt sich auf allen Ebenen ab. Die Zerrüttung des Staates: die ungeliebte Republik, die von ihren Gegnern angesichts einer kompromisslerischen Sozialdemokratie Stück für Stück demoliert und durch einen faschistisch-autoritären Ständestaat ersetzt wird. Nechybas Polizei, in der er zeitlebens versucht hat, dem zum Durchbruch zu verhelfen, was er als Gerechtigkeit empfunden hat, auch wenn das oft nicht mit den Buchstaben des Gesetzes kongruent war. Da tummeln sich jetzt Nazis, die scheinheilig einer Regierung dienen, die von ihren Kameraden auf den Straßen mit Bomben und Morden an politische Gegnern und Juden und Jüdinnen destabilisiert wird.

Da ist die Zerrüttung der privatesten Lebensbereiche. Der Kellner Novak, der seine jüdische Partnerin Dorli Wiener ehelicht, weil er hofft, sie dadurch gegebenenfalls vor der antisemitischen Gewalt zu schützen, die aus Hitlers Deutschland nach Österreich herüberschwappt. Und zerrüttet sind auch die Familienverhältnisse des realen Großonkels des Autors, Rudolf Loibelsberger, der mehr schlecht als recht mit viel Alkohol durch die Krisenjahre taumelt und seine Wut auf die Welt und sich selbst an seiner Frau auslässt. Darunter leidet natürlich auch der achtjährige Sohn Erich, ein aufgeweckter Bub, der es einmal zu was bringen könnte.

Gerhard Loibelsberger baut immer wieder ausführliche Zitate aus zeitgenössischen Zeitungen in die Handlung ein. Ist das trocken, ist das fad, ist das oberlehrerhaft? Keineswegs. Dadurch entsteht eine Authentizität, die dem heutigen Publikum zeigt: Wer wirklich wollte, konnte im Österreich des Jahres 1933 sehen, was auf das Land und seine Menschen zukam. „Zerrüttung“ ist ein starkes Buch gegen den wehleidigen Opfermythos, wie er teilweise noch bis heute gepflegt wird. Loibelsberger hat einen wichtigen Roman geschrieben, der fatalerweise sehr, sehr gut in unsere Zeit passt. Die Geschichte wiederholt sich nie im Maßstab eins zu eins. Aber wer die Zeichen an der Wand richtig deutet, wird die Parallelen erkennen und hoffentlich daraus praktische Schlüsse ziehen.

Angaben

Gerhard Loibelsberger
Zerrüttung
Gmeiner / 252 Seiten
€ 17,00 (Paperback)
ISBN 9783839205211
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