Das Dorf als Hauptdarsteller
Rachel Holohan ist tot. Die junge Frau, die kurz vor der Hochzeit mit Eugene Moynihan stand, dem Sohn des lokalen Businessman“, liegt leblos im Fluss. Alles deutet auf Selbstmord hin. Doch in einem Dorf wie Ardnakelty ist nichts einfach.
Cal Hooper, der Ex-Cop aus Chicago, lebt seit fünf Jahren im rauen Westen Irlands. Er hat Freundschaften geschlossen, eine Beziehung, ein Mädchen namens Trey unter seine Fittiche genommen. Er schuldet diesen Menschen Loyalität. Und Lena, seine Verlobte, war die letzte, die Rachel lebend gesehen hat. Also ermittelt Cal, ob er will oder nicht.
Doch worum es eigentlich geht, ist das Land. Tommy Moynihan, der Unternehmer mit den politischen Verbindungen, kauft große Flächen rund um Ardnakelty auf. Wo seit Generationen Schafe weiden, sollen Datenzentren und Wohnsiedlungen entstehen. French erzählt diesen Konflikt mit einer Präzision, die schmerzt: die alten Schafbauern, die um eine verschwindende Lebensweise trauern, der Widerstand gegen die Zerstörung gewachsener Bindungen, das Schweigen, das zur Waffe wird. Es ist eine Elegie auf eine untergehende Welt, aber ohne Sentimentalität. Ardnakelty ist kein idyllisches Dorf. Es ist ein Ort, an dem alte Rechnungen nie beglichen wurden und jeder jeden kennt – und deshalb niemandem traut.
Und dann ist da Cal, der Fremde, der immer mehr versteht. Er kennt die Rituale, das Schweigen zwischen den Worten. Aber er bleibt der Amerikaner, der Fragen stellt, die man hier nicht stellt. Genau das macht ihn zum idealen Beobachter einer Gemeinschaft, die sich selbst nicht mehr versteht.
Kann man diesen Roman allein lesen? Ja, die Handlung ist eigenständig. Aber man versäumt etwas: wie Cal nach Ardnakelty kam, wie Trey in sein Leben trat, wie er begriff, dass dieses Dorf keine Idylle ist, sondern ein Ort, an dem Geschichte nicht Vergangenheit ist, sondern Gegenwart, die nicht loslässt.
„Wie ein Fluss in der Nacht” ist kein Kriminalroman. Es ist ein Roman über eine Gemeinschaft, die ums Überleben kämpft – und über eine junge Frau, die dafür bezahlte. French schreibt mit trockenem Humor und scharfem Auge für die kleinen Grausamkeiten des Dorflebens. Kein Pageturner, ein Slow Burner. Man sollte sich Zeit nehmen.h wirkt dabei die Figur des Sicherheitschefs Olek, eines ukrainischen Einwanderers, der die amerikanische Dekadenz mit bitterem Realismus betrachtet.

Angaben
Tana French
Wie ein Fluss in der Nacht
Fischer Verlag | 560 Seiten
€ 26,80 (Gebunden)
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